Keltischer Rekonstruktionismus

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Keltischer Rekonstruktionismus (engl. Celtic Reconstructionism, kurz CR) oder Celtic Recon bezeichnet eine Strömung des modernen keltischen Neo-Paganismus. Die Praktizierer dieser Glaubensform werden auch als Neokelten (Neocelts) bezeichnet. Im deutschsprachigen Raum wird umgangssprachlich auch die Bezeichnung "Celtoi" verwendet, die aber nicht von allen Gruppen oder Individuen des CR allgemein anerkannt ist. Weitere Begriffe, die ab und an verwendet werden, sind u.a. Senistrognata oder "Gnaton" ("alte Erkenntnis"), Senobessus ("alte Sitte"), "Devocaron" ("Gottesfreundschaft"), Cretima oder Crabudos ("Glaube"), Vida ("Wissen", "Sehen") und Areisesta ("Religion").

Inhaltsverzeichnis

Herkunft

Als bedeutendstes Datum und eigentlicher Beginn der neokeltischen Bewegung wird oft das Celtic Spirit Gathering genannt, das 1985 in Wisconsin abgehalten wurde und keltisch-neopagane Gruppen unterschiedlichster Herkunft als Ausgangspunkt für eine konstruktive und kritische Auseinandersetzung mit keltischen Glaubensinhalten diente. Viele Personen des keltischen Neopaganismus kritisierten unreflektiertes Übernehmen zeremonialmagischer Riten und duotheistischer, pantheistischer oder monistischer Ideen, die aus dem Umfeld der Okkultismus Bewegung stammten und ihren Ursprung eher in kabbalistischen, freimaurerischen, rosenkreuzerischen und alchemistischen Werken hatten, durch Teile des modernen Druidentums und der Wicca Bewegung. Stattdessen wurden Wege bevorzugt, die sich eher an überlieferter Folklore, wie dem gälischen Traditionalismus sowie später auch an historischen und archäologischen Veröffentlichungen orientierten. Aufwind bekam die CR Bewegung vor allem mit dem Aufblühen des Internets, als sich Newsgroups und Mailinglisten zu diesem Thema bildeten, wie PODS:CELTIC Echo oder Nemeton-L. In den USA gründeten sich in Folge CR Organisationen wie Pàganachd und Imbas.

Inhalte

Ein häufiges Missverständnis über CR ist, dass versucht würde eine verschollene anachronistische Religion wiederzubeleben. Ideen dieser Art werden von der CR Bewegung tatsächlich entschieden abgelehnt und zumeist als "Spiritual Reenactment" bezeichnet. Ziel des keltischen Rekonstruktionismus ist hingegen zu erforschen, was über die keltische Religion und ihre Götter und religiösen Praktiken bekannt ist und daraus das Verwertbare zu benutzen, um eine neue und zeitgemäße keltische Religion zu schaffen. US-amerikanische, australische und Gruppen aus Irland oder Großbritannien orientieren sich inhaltlich zumeist an insularer Folklore und der inselkeltischen Mythologie. Als Quellen werden die großen irischen Manuskripte wie das Book of Ballymote, das Book of Leinster und das Book of Lecan bzw. die Four ancient Books of Wales benutzt, sowie für die Gestaltung von Ritualen Folkloresammlungen wie z.B. die Carmina Gadelica, zu einem geringeren Teil werden auch jüngere Sagensammlungen herangezogen. Die festlandkeltisch-orientierten Gruppen haben andere Schwerpunkte und versuchen stärker klassische Schriftsteller wie Cäsar, Diodor, Lucan und archäologische Funde heranzuziehen. Die CR Bewegung definiert sich von vornherein als "lernende Bewegung", die sich stetig weiterentwickelt und auch bereit ist, Fehler zu korrigieren und Spekulationen als eben solche zu kennzeichnen. Eigene Theorien oder persönliche Erkenntnisse als "alte Überlieferung" zu präsentieren, wird als Unehrlichkeit angesehen und entschieden abgelehnt.

Siehe auch:

Glauben

CR sieht den keltischen Glauben zumeist als eine polytheistische und animistische Religion an. Es werden verschiedene Entitäten angenommen, die fallweise als Götter, Geister, Dämonen oder Feen bezeichnet werden können. Die Sichtweisen, ob diese Entitäten als real-existierende übermenschliche Wesen, versinnbildlichte Naturkräfte oder Archetypen angesehen werden, können individuell abweichen, allgemein wird jedoch akzeptiert, dass die Kelten diese Entitäten als real-existierende Kräfte mit eigener Persönlichkeit und eigenem Willen angesehen haben. Die gesamte Natur i.e. das gesamte Universum wird als "beseelt" und von eben solchen Entitäten belebt angesehen. Ziel der Areisesta bzw. des Reinos ist es, die Freundschaft oder "familiäre Beziehung" zu diesen Entitäten zu pflegen, dies kann durch Rituale wie Feste, Opfer und Gebete, sowie durch Gedichte, Lieder, Kunst und Tugendhaftigkeit erreicht werden.


Beziehung zu anderen Religionen

Der keltische Rekonstruktionismus sieht sich als moderne Erfahrungsreligion und betrachtet andere polytheistische Religionen als andere Ausprägungen der gleichen kosmischen Wahrheit, steht monotheistischen Religionen jedoch auch nicht prinzipiell ablehnend gegenüber, auch wenn Vorstellungen von Heilsexklusivität, wie sie in einigen Ausprägungen monotheistischer Religionen vertreten werden, häufig Gegenstand von Kritik darstellen. Generell wird der Standpunkt vertreten, dass es "viele Wahrheiten" gibt, von denen die keltische Religion als ein gleichberechtigter möglicher Weg von vielen betrachtet wird. Die Beziehung zu anderen Formen des Neuheidentums wie Asatrú oder Wicca ist generell gut, ebenso wie zu anderen Ausformungen keltischen Neuheidentums wie modernem Druidentum, keltischem Neo-Schamanismus oder keltischem Hexentum, auch wenn häufig betont wird, dass diese Gruppierungen eine "andere Sicht der Dinge" verträten, allerdings wird häufig die oberflächliche und unkritische Verwendung von Bruchstücken keltischer Mythologie in einigen kommerziellen Ausrichtungen des Neo-Wicca kritisiert und der Vorwurf erhoben, dass lediglich einige aus dem keltischen Bereich stammenden Begriffe einem Wicca-Weltbild "übergestülpt" und dies dann unter dem Etikett "keltisch" verkauft würde. Ebenso wird eine bei einigen Formen des neuzeitlichen Druidentums zu beobachtende übermäßige Romantisierung und die Tendenz einiger druidischer Lehrer wie Morien oder Iolo Morganwg neue Theologien zu erfinden und als "keltisch" auszugeben kritisch beäugt.